Wen wir behandeln

Oft werden wir gefragt, was eine seelische Störung eigentlich ausmacht. Woher weiß man, ob ein Symptom oder ein bestimmtes Verhalten noch „normal“ oder schon behandlungsbedürftig ist? Allgemein gilt, dass Symptome oder Verhaltensweisen dann behandlungsbedürftig sind, wenn sie die Alltagsfähigkeit einschränken und/oder Leid verursachen. Manche glauben, man müsse sich mit seelischen Störungen abfinden oder damit alleine zurechtkommen, sie aus „eigener Kraft“ überwinden. Das sehen wir anders. Ein gebrochenes Bein würden Sie sich doch auch nicht selbst schienen. Im Folgenden wollen wir Ihnen/Euch einen Überblick über häufige seelische Probleme geben, bei denen wir helfen können:

Störungsbilder:

Angststörungen
Angst zu empfinden ist ein normales, sogar gesundes Gefühl. Ohne Angst wären wir vor gefährlichen Situationen völlig ungeschützt. Angst wird dann zum Problem, wenn das Ausmaß der Angst für die jeweilige Situation unangemessen hoch ist. Dann schützt die Angst nicht mehr vor Gefahr sondern behindert einen daran, wichtige Aufgaben des Alltags zu bewältigen.
Phobien
Phobien gehören zu den Angststörungen. Betroffene haben übertriebene Angst vor eigentlich ungefährlichen Situationen oder Objekten, wie z. B. Tieren oder dem Fahren in einem Linienbus. Angst, die man empfindet, wenn man z. B. tatsächlich in der Nähe eines gefährlichen Tieres ist, ist demnach keine Phobie, da sie vor einer realen Gefahr warnt. Große Angst von einer harmlosen Hausspinne wäre dagegen phobisch.
Depressive Störung
Jeder fühlt sich mal traurig oder schlecht gestimmt, schlapp und antriebslos. Dinge, die eigentlich Spaß machen sollten tun es nicht. Auch Menschen, die man eigentlich mag, will man nicht sehen. Normalerweise geht so etwas wieder vorbei. Hält dieser Zustand allerdings an, könnte die Ursache eine Depression sein, also eine Störung, die man behandeln kann und sollte. Früher hat man gedacht, dass es Depressionen im Kindesalter nicht gibt, heute weiß man, dass sogar Säuglinge daran erkranken können. Je jünger ein Kind ist, desto eher zeigen sich depressive Symptome auf körperlicher Ebene (z. B. häufiges Weinen, Kopf- und Bauchschmerzen oder mangelnde Kreativität beim Spielen). Bei älteren Kindern und Jugendlichen können sich Depressionen neben den typischen Symptomen auch anders zeigen, z. B. durch Gereiztheit, aggressives Verhalten oder auch Konzentrationsschwierigkeiten.
Zwangsstörung
Zwänge haben mit dem Gefühl von „irgendwie müssen“ zu tun. Die Betroffenen fühlen sich „gezwungen“, bestimmte Dinge zu tun und/oder Gedanken zu denken, die sie eigentlich für sinnlos oder übertrieben halten. Auch wenn die Betroffenen wissen, dass sie nicht wirklich „müssen“, können sie sich gegen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen kaum oder gar nicht wehren. Dies kann den Alltag massiv stören bzw. bestimmen.
Andere emotionale Auffälligkeiten
Hierzu gehören beispielsweise: Häufige Wutausbrüche, Stimmungsschwankungen oder soziale Unsicherheit. Wenn diese Auffälligkeiten die Alltagsfähigkeit einschränken und/oder die Beziehungen zu wichtigen Menschen negativ beeinflussen, sollten sie behandelt werden.
Einnässen und Einkoten
Das Einnässen (Enuresis) und das Einkoten (Enkopresis), diagnostiziert man als seelische Störung, wenn es ab dem Alter von 4 Jahren wiederholt und über einen längeren Zeitraum vorkommt, ohne dass eine körperliche Ursache vorliegt. Zu beachten ist, dass Kinder bis zum 8. Lebensjahr gelegentlich einnässen, insbesondere in Krisensituationen, bei schweren Erkrankungen oder in Zeiten erhöhter Belastungen.
Probleme im Zusammenhang mit dem Schulbesuch
Wenn Kinder oder Jugendliche den Schulbesuch einstellen, kann das verschiedene Gründe haben. Einige sind unterfordert, langweilen sich dann und fühlen sich fehl am Platz. Andere haben eine nachvollziehbare Angst vor dem, was sie in der Schule erwartet: Schulstoff der sie überfordert, Mitschüler, die sie mobben, Lehrer, die einen „auf dem Kieker“ haben. In dem Fall sprechen wir von einer Schulangst. Bei einer Schulphobie löst der Schulbesuch zwar ebenfalls Angst aus, jedoch ist den Betroffenen oft unklar, wovor sie genau Angst haben. Den Stoff könnten sie schaffen, die Mitschüler sind „In Ordnung“ und mit den Lehrern kommen sie eigentlich auch ganz gut klar. Deswegen scheint der Schulbesuch am Abend davor auch unbedingt möglich, am nächsten Morgen dann scheint es aber überhaupt nicht mehr denkbar zu sein. Häufig spielen hier vorübergehende körperliche Beschwerden, wie z. B. Bauchschmerzen eine Rolle.
Teilleistungsstörungen
Unter Teilleistungsstörungen versteht man Leistungsprobleme in begrenzten Teilbereichen wie Rechnen, Lesen, Rechtschreiben, Sprechen oder der Motorik bei ausreichender Intelligenz, Förderung, sowie körperlicher und seelischer Gesundheit. Diese Schwächen können die Schulleistungen beeinträchtigen, sodass Betroffene unter Umständen ihr Potential nicht ausschöpfen können. Die Probleme können bis in das Erwachsenenalter anhalten. Wenn Teilleistungsstörungen nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden, ist die Gefahr groß, dass sich in der Folge weitere seelische Störungen, wie z. B. Depressionen entwickeln.
ADHS

ADHS ist eine sehr kontrovers diskutierte und in den letzten Jahren sicher überdiagnostizierte Erkrankung. Die wichtigsten Symptome, die gemeinsam in verschiedenen Lebensbereichen über zumindest sechs Monate vorhanden sein müssen, sind:

• Beeinträchtigte Aufmerksamkeit/Konzentrationsstörungen
• Überaktivität
• Impulsivität.

Diese Symptome sind im Prinzip sehr unspezifisch und können auch Ausdruck verschiedener innerseelischer Vorgänge sein. Nur wenn ausgeschlossen ist, dass diese Symptome nicht Reaktion auf seelische Belastungen, (wie z. B. eine schwierige familiäre Situation, schulische Überforderung) sind oder körperliche Ursachen haben, kommt die Diagnose ADHS in Betracht.

Störung des Sozialverhaltens
Unter „Sozialverhalten“ versteht man das Verhalten, das man im Umgang mit anderen Menschen und in Bezug auf gesellschaftliche Normen zeigt. Verhalten sich Kinder/Jugendliche beispielsweise gegenüber anderen Gleichaltrigen oder Erwachsenen über einen langen Zeitraum übermäßig aufsässig oder aggressiv, lügen sie häufig, zerstören oder stehlen sie Dinge oder schwänzen sie die Schule, so spricht man von einer Störung des Sozialverhaltens.
Posttraumatische Belastungsstörung
Die Seele hat oft erstaunliche Möglichkeiten mit belastenden Erlebnissen fertig zu werden und sie zu verarbeiten. Manche Erlebnisse sind allerdings dermaßen belastend, dass die Seele mit der Verarbeitung überfordert ist. Die Posttraumatische Belastungsstörung ist Folge dieser Überforderung und kann viele verschiedene Symptome haben. Manche Betroffene müssen ständig an diese Erlebnisse denken, kommen sich manchmal vor, als wären sie wieder mittendrin. Manche schlafen schlecht und haben Albträume, fühlen sich durchgehend angespannt, nervös, verhalten sich vielleicht sogar aggressiv, können sich schlecht konzentrieren und vermeiden es, Dinge zu tun oder Orte zu besuchen, die an die schlimmen Ereignisse erinnern.
Akute Belastungsreaktionen
Eine akute Belastungsreaktion kann bei jedem Menschen auftreten und entsteht aufgrund einer akuten Überforderung der Seele auf eine außergewöhnliche Belastung. Die Symptome können ähnlich denen einer Posttraumatischen Belastungsstörung dramatisch sein. Betroffene sind möglicherweise in ihrer Wahrnehmung eingeschränkt oder unruhig und überaktiv. Auch der Körper ist möglicherweise stark mitbeteilig: Das Herz schlägt schnell, man zittert, schwitzt, errötet. Normalerweise ist diese Reaktion nur vorübergehend und klingt innerhalb von Stunden oder Tagen wieder ab.
Essstörungen

Die wichtigsten Essstörungen sind die Anorexia nervosa (Magersucht) und die Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht). Gemeinsam sind ihnen die ständige gedankliche Beschäftigung rund um das Thema Essen, Körpergefühl und Gewicht. Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungs.

Die Anorexia nervosa ist gekennzeichnet durch absichtlichen und selbst herbeigeführten Gewichtsverlust. Oftmals verlieren die Betroffenen die Kontrolle über eine zunächst scheinbar harmlose Diät und den realistischen Blick auf den eigenen Körper. Sie fühlen sich auch dann noch zu dick, wenn sie in Wirklichkeit bereits deutlich untergewichtig sind. Auch haben sie nicht das Gefühl krank zu sein oder Hilfe zu benötigen. Dies kann sehr gefährlich sein.

Die Bulimia nervosa ist gekennzeichnet durch selbst herbeigeführtes Erbrechen nach oft übermäßiger Nahrungsaufnahme. Das Gewicht befindet sich dabei häufig im (oberen) Normalbereich. Dennoch kann diese Erkrankung gesundheitsschädlich sein und z. B. die Zähne, Speiseröhre oder den Elektrolythaushalt schädigen. Vor allem aber leiden die Mädchen unter der Situation, für die sie sich oft schämen.

Ebenfalls sei erwähnt, dass auch das Übergewicht (Adipositas) Ursache oder Ausdruck von seelischen Störungen sein kann.

Psychosomatische Störungen
Hierbei handelt es sich um Störungen mit körperlichen Beschwerden (z. B. Kopf- oder Bauchschmerzen), deren Ursachen jedoch nicht körperlich sondern seelisch sind. Das bedeutet nicht, dass die Beschwerden simuliert oder nicht tatsächlich vorhanden sind. Seelische Probleme können demnach ebenso Ursache für Schmerzen oder andere körperliche Missempfindungen sein.
Störungen des autistischen Spektrums
Autismus ist eine schwere, frühkindliche Entwicklungsstörung, die durch stark eingeschränkte Sozialkontakte, häufig eine verzögerte Sprachentwicklung und stereotype, sich wiederholende Verhaltensweisen gekennzeichnet ist. Die Symptome sind sehr vielfältig und erfordern eine ausführliche diagnostische Untersuchung. Autistische Kinder wirken oft unnahbar. Sie weichen Blickkontakten und Berührungen aus und ihre Interessen beziehen sich meist auf wenige Gebiete, in denen sie sich dann aber zu wahren Experten entwickeln können. Mögliche Frühsymptome sind mangelnder Blickkontakt, mangelnde Herstellung gemeinsamer Aufmerksamkeit, fehlende Reaktionen auf die elterlichen Stimmen, ein reduziertes soziales Interesse, Auffälligkeiten im Spielverhalten genauso wie ausdauernde, immer wiederkehrende Handlungen mit Spielsachen und anderen Objekten sowie Sprachentwicklungsverzögerungen. Doch bei weitem nicht jedes Kind, das sich wenig für seine Umwelt interessiert oder Spezialinteressen hat, ist gleich autistisch.
Psychosen
Psychosen sind psychische Störungen, deren Symptome mit einem Realitätsverlust einhergehen. Die wichtigsten Symptome in diesem Zusammenhang sind der Wahn und die Halluzination. Wenn jemand Gendanken hat, die objektiv falsch sind, davon aber überzeugt ist und bleibt, spricht man von einem Wahn. Wenn jemand mit einem seiner 5 Sinne etwas wahrnimmt, ohne, dass diese von außen stimuliert werden, wenn man z. B. eine Stimme hört, ohne dass jemand redet, spricht man von einer Halluzination. Die Ursachen einer Psychose können verschieden sein. Psychosen können vorübergehend sein, (z. B. im Zuge von Drogenkonsum), oder chronifizieren. Eine häufige Form ist die Schizophrenie. Der Beginn einer Schizophrenie ist oft schleichend und kann sich über einen langen Zeitraum (sogar mehrere Jahre) strecken. In dieser Zeit sind die Symptome unspezifisch (z. B. sozialer Rückzug, Konzentrationsstörung, Gereiztheit). Die Diagnose wird daher oft erst nach Jahren gestellt.
Abhängigkeit
Die Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin oder anderen illegalen Drogen ist eine Erkrankung, die Betroffene häufig weit von sich weisen. Sie machen sich vor, noch Kontrolle über ihren Konsum zu haben. Die Kriterien, an denen man eine Abhängigkeit festmacht sind klar definiert, so dass sich jeder selbst daran überprüfen kann:

- starkes, oft unüberwindbares Verlangen, die Substanz einzunehmen
- Schwierigkeiten, die Einnahme zu kontrollieren (was den Beginn, die Beendigung und die Menge des Konsums betrifft)
- körperliche Entzugssymptome
- Benötigen immer größerer Mengen, damit die gewünschte Wirkung eintritt
- fortschreitende Vernachlässigung anderer Verpflichtungen, Aktivitäten, Vergnügen oder Interessen (Verlangen nach der Droge wird zum Lebensmittelpunkt)
- fortdauernder Gebrauch der Substanz(en) wider besseres Wissen und trotz eintretender schädlicher Folgen.

Es müssen nur drei der oben genannten sechs Kriterien erfüllt sein, damit man von einer Abhängigkeit sprechen kann.
Pathologischer Internet- bzw. Mediengebrauch
Surfen im Internet, Fernsehen, Computer- und Videospielen sind heute oft normaler Teil unseres Alltags. Schwierig wird es erst, wenn soviel Zeit vor dem Bildschirm verbracht wird, dass andere wichtige Dinge (Freunde, Hobbies, Schule) vernachlässigt werden. Insgesamt gilt für den pathologischen Internet- bzw. Mediengebrauch ähnliches wie für die Abhängigkeit von Substanzen. Betroffene haben ein starkes Verlangen und können den Konsum zeitlich nicht regulieren. Auch hier gilt, dass Betroffene das Problem oft weit von sich weisen.
Selbstverletzendes Verhalten (SVV)
Selbstverletzendes Verhalten oder Autoaggressivität beschreiben eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, bei denen sich betroffene Menschen absichtlich Verletzungen oder Wunden zufügen. Es ist immer Ausdruck einer großen innerpsychischen Belastung. Die Ursachen hierfür können sehr unterschiedlich sein. Die Betroffenen leiden oft unter kaum auszuhaltenden inneren Spannungen, die durch das SVV kurzfristig reduziert werden können. Unserer Erfahrung nach leiden die Jugendlichen sehr unter der Situation, oft schämen sie sich auch und versuchen, die verletzen Körperstellen zu verstecken. Und: je öfter sich ein Mensch selbst verletzt, desto schwieriger ist es, damit wieder aufzuhören. Die rasche Vorstellung bei einem Kinder- und Jugendpsychiater ist daher sehr zu empfehlen.
Suizidalität
Suizidale Gedanken oder gar suizidale Handlungen sind immer Ausdruck einer psychischen Notsituation, die gekennzeichnet ist von großem Leid und gefühlter Ausweglosigkeit. Unserer Erfahrung nach steht dahinter zumeist weniger der Wunsch zu sterben, als vielmehr der Wunsch, besser zu leben. Doch suizidale Menschen haben oft die Hoffnung verloren, ihre Situation könnte sich positiv verändern.
Wichtig ist: Sollte ein Kind oder ein Jugendlicher suizidale Gedanken oder Absichten äußern oder gibt es hierfür Hinweise, die Eltern oder Lehrer Sorge bereiten, dann handelt es sich um einen psychiatrischen Notfall und der Betroffene muss umgehend psychiatrisch vorgestellt werden.